2022 | © Michael Cremer
© Michael Cremer

InterVertikal

INTEGRATIVER KLETTERTREFF MIT WACHSENDER BETEILIGUNG

 

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Ressort Klettern

Zuletzt kamen immer mehr Menschen aus der Ukraine nach Mülheim und die Region, um den Gefahren des russischen Angriffskriegs auf unser europäisches Nachbarland zu entkommen. Insbesondere viele Mütter mit ihren Kindern fanden Zuflucht. So richtete der Mülheimer Alpenverein und das Kletterzentrum Neoliet ihr integratives Kletterangebot InterVertikal, das seit gut sechs Jahren besteht, auch insbesondere auf diese Zielgruppe aus. Mittlerweile nehmen immer mehr Ukrainer*innen die Einladung zum gemeinsamen Klettern wahr. Und nicht nur das: Inzwischen hat das Team von InterVertikal auch schon Unterstützung.

Denn Yulia, die mit ihren Kindern schon seit gut zwei Monaten regelmäßig zum Klettertreff kommt, hat der Sektion nicht nur bei der Übersetzung ins Ukrainische unter die Arme gegriffen. Sie brachte zusammen mit Liz auch ihre Klettererfahrung ein und hilft beim Sichern und Schulen der Teilnehmenden. Auch die anfänglichen Sprachbarrieren sind weitgehend überwunden. Immer mehr Ukrainer*innen nutzen ihre gerade neugewonnen Deutschkenntnisse, und wenn die nicht reichen, wird auf Englisch oder auch schon mal auf eine Sprach-App zurückgegriffen. „Was mich besonders freut, dass wirklich nahezu alle mitklettern, auch die Erwachsenen“, sagt Michael, der das Projekt seinerzeit mit Guido vom Neoliet Team ins Leben gerufen hat. „Die Kids sind eh meist kaum zu stoppen, wenn es ums Klettern geht“, schmunzelt Sarah, die sich um die Familienangebote in der Sektion kümmert.

Zumeist startet die Gruppe, die mittlerweile zwischen zehn und 15 Teilnehmer*innen zählt, in der Boulderecke, nachdem ein paar Aufwärmübungen für die richtige Betriebstemperatur gesorgt haben. Yonas, Ahmad und Militan wissen und zeigen, wie es geht. Alle drei sind schon seit Langem dabei, zunächst als Teilnehmer*innen, mittlerweile als Sicherungs- und Ausbildungskräfte. Auch sie haben Fluchterfahrung und flohen einst unter Lebensgefahr vor Krieg und Verfolgung aus ihren Heimatländern Eritrea und Syrien. „Sie haben eine ungemein wichtige Rolle in unserem Projekt“, weiß Michael. „Denn mit ihrem Hintergrund begegnen sie den Menschen aus der Ukraine auf einer ganz anderen Ebene als ich es kann, der solch ein Leid nur aus Erzählungen der Eltern und Großeltern oder aus den Medien kennt.“

2022 | © Michael Cremer
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Ein weiterer, ebenso wichtiger Punkt kommt hinzu: Die drei zeigen, dass es gelingen kann, dass Integration funktioniert, wenn alle aufeinander zugehen. „Als ich damals nach Deutschland kam, hatte ich sehr lange das Gefühl, nicht willkommen zu sein“, erzählt Yonas. „Das war sehr schlimm. Und es hat sehr lange gedauert, bis ich wieder eine positive Einstellung gefunden habe.“ Auch für Ahmad und Militan war es seinerzeit nicht leicht fußzufassen. „Hier gemeinsam zu klettern hat geholfen, Anschluss zu finden und Perspektiven zu sehen“, so Militan. Und Ahmad ergänzt: „Durch den Austausch und die Gespräche hat es auch beim Lernen der deutschen Sprache und Verständnis der Gepflogenheiten in Deutschland geholfen.“

Es ging und geht also nie nur ums Klettern bei InterVertikal, sondern ums Miteinander und voneinander Lernen. Und es werden auch andere Ziele angepeilt. In Kürze soll es auch zum Wandern raus aus der Kletterhalle und in die Natur gehen. „Vielleicht auch mal in die Berge!“, freut sich Alina, die bis dato mit dem Thema Bergsport noch nie etwas zu tun hatte. „Wir hatten schon länger mal ins Auge gefasst, eine Hochgebirgstour anzugehen“, erzählt Michael. Aber das sei gar nicht so einfach – von den rechtlichen Fragen über die Material- und Ausrüstungsbeschaffung bis hin zum vorbereitenden Training. Dennoch wollen sie sich von dieser Idee nicht abbringen lassen. „Wir haben gute Kontakte in die Hohen Tauern, weil wir als Sektion in der Goldberggruppe in Kärnten auch ein alpines Arbeitsgebiet haben“, so die vier „alten Hasen“ vom Mülheimer Alpenverein. Bei den ukrainischen Gruppenmitgliedern erntet die Idee viel Zuspruch. Denn in den Alpen sind die meisten noch nicht gewesen. Jetzt geht es nach dem Partner*innencheck aber erst einmal wieder mit viel Freude die Wände im Kletterzentrum Neoliet hoch.

Text + Fotos: Michael Cremer