Der Mülheimer Alpenverein hat zu einem Pionierprojekt unter dem Namen „Almrausch“ für Jung und Alt aufgerufen, das allen Bergbegeisterten Aspekte der Landwirtschaft und Naturpflege im Alpenraum näher bringen will. So haben wir uns im Juli 2023 als eine bunte Gruppe zusammengefunden, die gespannt war auf neue Eindrücke und Einblicke, ohne dass wir nur erahnen konnten, was uns erwartet.
Was ist eine Woche im Almrausch? Die einen verherrlichen die schöne Alpenrose – die übrigens nicht mit der Rose , sondern mit den Heidkrautgewächsen verwand ist - in der Dichtung, die anderen sehen in ihrem wirren, zähen, nicht ausrottbaren Gezweig ein "Unkraut", ein lästiges Hindernis für eine "ordentliche" Weidewirtschaft. So trägt die Alpenrose im Salzburgischen auch die schimpfierende Bezeichnung "Schinderblüh“. In anderen Gebirgsgegenden ist man der Meinung, dass das "lästige Almunkraut" doch noch zu etwas nützlich sei: den Rindern den "Rausch", eine Rinderkrankheit, auszutreiben. Daher stammt dann auch der Name Rauschkraut. Dem Almrausch sind wir in der Woche weniger begegnet, umsomehr dem kriechenden Wacholder und zahlreichen Jungpflanzen, die mit der Zeit die Almen nicht mehr für das Weidevieh nutzbar und erreichbar werden lassen. Aber erst einmal ging es mit dem Traktor hinauf zur Watzinger Alm, denn der Aufstieg zu Fuß mit unserem Reisegepäck wäre nach der langen Zugfahrt sicherlich eine Herausforderung gewesen.
Dem Genuss und dem Luxus zu entfliehen war für uns umso schwerer, da unsere Gastgeberfamilie, das Ehepaar Watzinger, keine Gelegenheit ausließ uns mit Spezialiäten des Landes Kärnten zu versorgen. Schinken, regionaler Käse, selbstgemachtes Brot und Marmeladen, eigene Butter, frisch Geschlachtetes und Gepökeltes, Kuchen direkt aus dem Ofen, aufgesetzte Liköre und ein weltbestes Sonntagsmahl auf 1600 m Höhe. Doch die gute Speise ließ unsere Kräfte und Motivation auf ein Maximum wachsen und so haben wir, zum Erschrecken aller, sechs Tage durchgearbeitet, uns mit der Umgebung vertraut gemacht und Tag für Tag unsere Fortschritte bewundern können.
Gesellschaftliche Veränderungen führen immer häufiger dazu, dass eine generationsübergreifende und kontinuierliche Bewirtschaftung von Hochalmen seltener werden. So ist es auch für den Milchbauern und Namensgeber der Alm Watzinger, der das Wirtschaftsvieh im Tal bei Spittal versorgt aus Zeit- und Arbeitsgründen nicht mehr möglich den jährlichen Aufwand zu leisten. Jede Alm ist anders und dazu brauchte es einen Experten. Uns stand die Woche der Wegewart des österreichischen Alpenvereins Sektion Mallnitz zur Seite, um uns schrittweise in die Pflegemaßnahmen einzuweisen. Die wichtigsten Maßnahmen zur Wiederherstellung von Almweiden sind das Entfernen von Bäumen, Schwenden von Krummholz und von Zwergsträuchern (Wacholder, Alpenrose). Auch das Bekämpfen von dominanten Weideunkräutern wie Adlerfarn. Dies ist notwendig, auch um eine Erhöhung der Biodiversität zu erreichen.
Die Notwendigkeit für das periodische Entfernen von Jungbäumen konnten wir vor Ort erkennen. Dort wo Almabschnitte ohne menschliche Einwirkung waren, entstand in mehreren Jahren ein dichter Jungbaumbewuchs, bei dem sich das Schwenden nicht mehr lohnte. Auch diese Bereiche müssen irgendwann ausgelichtet werden, um einen jungen gesunden Wald entstehen zu lassen. Je mehr Strukturen auf einer Fläche vorhanden sind, desto mehr unterschiedliche Pflanzenarten können gedeihen. Damit steigt auch die Vielfalt an Lebensräumen für unterschiedliche Insekten, Vögel und Reptilien. Am wichtigsten ist das Freihalten der Trampelpfade für das Vieh, um die zahlreichen Wasserstellen und Quellen zu erreichen, denn ein Rind säuft etwa 80 bis 100 Liter Wasser pro Tag. Die Rinder, die sich frei auf der Alm bewegen und viele Höhenmeter am Tag wandern, kennen die Wasserstellen genau. Umgefallenen Bäume und Steinschlag können die Wege versperren, oder zu Umwegen zwingen um die Wasserstellen zu erreichen.
Wir haben in dieser Woche viel über die Vegetation im Alpenraum gelernt, sind auf Um- und Abwege gekommen, sind über unsere Kräfte hinausgewachsen und haben Kraft und Ruhe tanken können. Dafür möchten wir uns beim Wegewart Günther Schwärzler und bei Familie Jakob und Cornelia Watzinger bedanken.
Mehr Informationen: wandern@alpenverein-muelheim.de
Text: Petra Herrchen, Fotos: Petra Herrchen + Martin Strunk
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